Für viele ist Stricken in erster Linie die Herstellung von Kleidung.
Für mich ist es vor allem das Erfahren von Materialien und – daher auch vielleicht mein Interesse für die alten Muster – von Maschenkombinationen. Am liebsten würde ich alle Garne, die es auf der Welt gibt, einmal in jeder Farbe ausprobieren. Natürlich macht es mir Spaß, für meinen Mann und mich Pullover zu stricken, und ich würde uns sicher mit mehr Strickstücken ausstatten, wenn es finanziell möglich wäre, aber tatsächlich brauche ich das nicht unbedingt, um als Strickerin glücklich zu sein. Materialien und Muster zu entdecken, ist eher das, was ich unter Stricken verstehe, als das schnöde Berechnen einer Armkugel, das für mich in den Bereich “Schneidern und Nähen” gehört und mich genau wie Fragen der Paßform nicht im geringsten interessiert.
Vielleicht liegt es an der Art, wie ich das Stricken erlernt habe.
Den Wunsch, zu stricken, bekam ich bei einem Besuch bei einer Tante im Alter von 7 Jahren. Sie und meine Kusine arbeiteten gerade an einem Winterpullover, und ich fand es toll, wie sich die Nadeln bewegten und etwas Schönes dabei herauskam. Ich wollte das natürlich auch unbedingt können und ließ meine Mutter nicht mehr in Ruhe, bis sie aus den Untiefen eines Schranks ihre alten Stricknadeln und ein angefangenes, dreißig Jahre altes Knäuel herausholte. Meine Mutter, die eine Schneiderlehre absolviert hatte, das Stricken aber dafür umso mehr haßte - nicht zuletzt, weil sie schon nach einer halben Stunde davon Rückenschmerzen bekam -, hatte seit ihrer “Mädchenzeit” nicht mehr gestrickt, obwohl sie es wirklich sehr gut gekonnt hatte. Sie schlug ein paar Maschen für mich an, zeigte mir rechte Maschen, die ich erstmal üben sollte, und brachte mir bei, daß nur Kettenrand ein echter Rand sei und nur “Babys” und schlechte Strickerinnen den Rand anders stricken würden. Vermutlich hatte sie es selbst so gelernt und nie hinterfragt. Sie war überrascht, wie gut ich zurechtkam, brachte mir dann linke Maschen bei, und als das halbe Knäuel verstrickt war, war die Geschichte für sie erledigt. Für mich aber nicht, und ich ärgerte mich, daß ich nichts mehr zu stricken hatte. Das halbe Knäuel wurde also aufgeribbelt und verwandelte sich kurz darauf in einen Schal für eine Puppe, der mir aber aufgrund des häßlichen Grüns wenig gefiel. Belustigt erzählte meine Mutter bald ringsum von meiner Begeisterung fürs Stricken – ich hatte inzwischen auch das Häkeln entdeckt -. So bekam ich ab und zu von Bekannten und Nachbarn ein paar Wollreste, die nicht mehr gebraucht wurden, damit ich etwas auf den Nadeln haben konnte. Oft waren es nur ein paar Meter, mit denen man lediglich ein winziges Läppchen anfertigen konnte, aber es war mir egal. So lernte ich, wie unterschiedliche Materialien aussehen, sich anfühlen und reagieren. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich nichts von Nadelstärken, denn meine Mutter hatte nur ein einziges Paar Nadeln in Stärke 3, und ich strickte von filigran bis superdick einfach alles damit. Eines Tages schloß ein Wollgeschäft in unserem Viertel, und über viele Umwege bekam ich eine kleine Mülltüte voller Reste, die mir damals aber riesig vorkam, und ich war selig. Eine Nachbarin, die gehört hatte, wie eifrig ich bei der Sache war, brachte mir von da an jede Woche die Strickbeilage aus ihrer Fernsehzeitung vorbei, bevor sie sie entsorgte und ich begann, Lochmuster und Zöpfe zu entdecken. Erst viele Jahre später schenkte mir meine Mutter ein paar Stricknadeln und Garn für meinen ersten Schal. Von da an strickte ich jedes Jahr in den Sommerferien einen Pullover für mich oder für sie, und auch Freundinnen gaben das eine oder andere Strickstück in Auftrag. Da wir uns aber nicht mehr als ein solches Kleidungsstück im Jahr leisten konnten, griff ich immer wieder auf die geschenkten Resten zurück, um Muster zu üben. Wie der Zufall wollte, eröffnete eine Freundin meiner Mutter ein Wollgeschäft, nachdem ihre erwachsenen Söhne das Nest verlassen hatten, und auch sie versorgte mich mit Resten – und seien sie noch so klein -, und ich strickte wohl alle Muster, die die Bücher aus der Stadtbücherei hergaben, bis die jeweilige Tüte aufgebraucht war. Dieses Ausprobieren, Ertasten und Erfassen blieb mir bis heute das liebste am Stricken.
Als ich neulich auf Tichiro erfuhr, daß die Firma Pascuali Teststrickerinnen sucht, meldete ich mich natürlich sofort, obwohl ich mir neben Tinas perfekter Stricktechnik kaum Chancen ausrechnete. Und doch wurde ich genommen und bekam am Samstag mein erstes Päckchen. Eine traumhafte Aufgabe! Das Bild unten vermittelt einen kleinen Vorgeschmack. An dieser Stelle möchte ich Herrn Pascuali noch einmal für sein Vertrauen danken. Ich freue mich riesig!
